Wort und Raum (Rede Bartning)

Diese Rede von Otto Bartning

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Meine Damen und Herren! Meine lieben Kollegen!

Kulturkreise von Heidenheim haben mich hierher eingeladen. Ich habe Ihnen allen zunächst herzlich für diese Einladung zu danken. Zugleich darf ich Ihnen meine Bewunderung aussprechen für den Mut zu diesem Thema, das Sie mir empfohlen, ich kann geradezu sagen, befohlen haben.

Denn das Thema „Wort und Raum“ hat es in sich.

Seitdem Sie mir diese Aufgabe gestellt haben, gehe und fahre ich damit in der Welt herum und habe das Gefühl, auf hoher See mich zu befinden. Denn in diesem Begriff „Wort und Raum“ steckt tatsächlich der ganze Mensch, die ganze Welt.

Ich habe - um beim Bild der hohen Seefahrt zu bleiben - mich bemüht, mit einigen Stichworten ein paar Landmarken zu setzen, damit wir überhaupt durchkommen: ein paar Landmarken der Ausfahrt und nachher noch einige Leuchttürme, damit wir wieder an Land kommen und nicht ins Uferlose geraten.

Das Wort. Zunächst hat es ja seinen Ursprung bei den tierischen oder auch bei den kindlichen Lauten. Sie wissen: über Sinn und Wert der Vokale, die in diesen Lauten mitsprechen, hat Ernst Jünger sehr geistreiche und sorgfältige Gedanken geäußert.

Mir ist das auf Reisen begegnet, wenn ich zu Völkern gekommen bin, deren Sprache ich nicht verstehe: daß dann plötzlich das Wort, dem ich zuhörte, wieder zum Laut wurde. Man wird in solchen Fällen darauf aufmerksam, daß dieser Laut als solcher bereits eine Bedeutung hat, die nicht nur mit dem Wort im Wörterbuch zusammenfällt.

Wenn man dann so dabei sitzt, etwa irgendwo in einem Zelt - und das sind ja die fruchtbarsten Momente, da man vergessen wird von den andern, da man dasitzt und sieht, was sie treiben - dann merkt man plötzlich, daß Worte Raum bilden.

Damit sind wir bei unserem Thema.

Sie haben sicher schon beobachtet, wenn ein Mensch, ein einzelner Mensch schweigt. Sie haben weiter beobachtet, wie sich, wenn er dann ein Selbstgespräch beginnt, um ihn das Engste von Raum und Vereinsamung schließt. Das Selbstgespräch ist ungefähr das Engste, was ein Mensch um sich herum legen kann. Da kommt keiner heran.

Und Sie haben weiter bemerkt, wie dann unter Umständen aus der Angst dieses engsten Raumes der Mensch diesen Raum durchbricht ins Zwiegespräch hinein. Das ist ein ganz bestimmter Augenblick, in dem die Äußerung zum anderen beginnt, um aus sich selbst herauszukommen.

Es folgen die Rufe, die ins Weite gehen, es folgt die große Rede im Raum. Tatsächlich schaffen das Wort und der Geist des Wortes die höchsten Formen des Raumes. (Darauf kommen wir, wenn unsere Seefahrt dem Ziele zusteuert, nachher noch.)

Der Raum. Ich darf Ihnen zunächst auch vom Grundbegriff des Raumes sagen, welche Gedanken infolge Ihrer Themenstellung mir darüber gekommen sind. Zunächst einmal der engste Raum: der Körper, die Urzelle, die ihre Kruste bildet. Denken Sie an die bekannten Radiolarien, jene sternförmigen Gebilde in der Tiefsee! Diese Urzelle oder die Muschel oder das Federkleid oder auch die menschliche Bekleidung sind die engsten Raumbildungen. Dabei spielt eine Rolle der Schutz, das Verhüllen, das Verbergen, das Anlocken und das Ab-schrecken.

Aus diesem - Nutzen und Schmuck und Ausdruck - entsteht bereits in der Kleidung der erste Raum, den der Mensch um sich her bildet.

Gehen wir weiter zu den Raumbildungen, die außerhalb des Körpers liegen!

Da kommn die Nester, die Höhle und der Bau. Verrückterweise nennen wir den Dachsbau den Bau an sich - und all die anderen Kunstbauten der Tiere, die alle noch Schutzräume sind. Aber schon im weiteren Sinne sind sie Schutz des Lebens, der Brut und der Tierfamilie. Sie sind also einen Schritt weiter und endigen beim Bienenstaat und beim Ameisenstaat. Und der Weg des Menschen mit seinem Bauen verläuft wirklich von der Höhle bis zur Stadt und bis zur Kathedrale. Das ist ein enormer Weg, der ihm aber in der Natur durch die Tiere bereits vorgegeben ist.

Wenn man diesen großen Weg übersieht, dann spürt man auch, was für ein entsetzlicher Rückfall es ist, wenn wir heute wieder Schutzräume bauen und in die Erde kriechen. Allein bei dieser Erkenntnis könnte man eigentlich sagen: hier stimmt etwas unbedingt nicht. Und wann endlich, frage ich, machen die vernünftigen Menschen den Mund auf und sagen, das stimmt einfach nicht, daß das Ende unserer ganzen Baukultur wieder die Schutzhöhle ist. Es wird oft betont, aber man kann's auch gar nicht oft genug sagen.

Betrachten wir einen Augenblick den Wohnraum oder die Zusammenfügung vieler Wohnräume zu einer Wohnung. Sie entspricht den ausgebreiteteren Funktionen des Menschen, der Familie: dem Essen, dem Schlafen, dem Arbeiten, dem Feiern usw. Umgekehrt wissen wir genau, wie sich aus dem Ausdruck, den diese Wohnungen als eine Funktion bekommen, wiederum die Familien formen. Diese Rückwirkung ist gerade für den Architekten und für die, die zu bauen den Mut haben, wichtig zu wissen: daß die Familie nicht nur in den Räumen, sondern durch die Räume lebt, daß die Art, das Gesetz der Räume die Form der Familie mitbestimmt. Es ist nicht ganz gleichgültig, ob der Raum zu knapp oder zu reichlich ist, ob er echt oder verlogen ist, ob er verworren oder geordnet ist.

Da liegt die eigentliche Aufgabe: ob wir dem Leben in diesen Räumen - seien es die Wohnungen, seien es die großen Räume - den praktischen Halt und die geistige Würde geben.

Ich möchte Ihnen da eine kleine Geschichte aufzeigen, die ich allerdings nur im Bilde, im Film erlebt habe. Sie spielt am Nordpol.

Sie erinnern sich vielleicht zum Teil an jenen merkwürdigen Film von dem Eskimo Nanuk, der so ablief, daß man sah, wie dieser Nanuk den Tag über in einer wirklichen Eiswüste mit seinem Schlitten, mit seiner Frau und seinem Bruder sich herumgequält hat. Am Abend suchten sie sich einen Platz und bauten sich eine Eishütte.

Man hat mit angesehen, wie diese Leute in ihren Jahrhunderte oder Jahrtausende geübten Formen mit dem langen Messer aus dem gebackenen Schnee Steine schnitten, die alle etwas konisch waren. Genau nach dem Wölbungsgesetz legten sie einen Ring, dann einen etwas engeren Ring, noch einen Ring und wieder einen Ring. Und in der Zeit von scheinbar etwa einer guten halben Stunde oder einer Stunde war dieses Kuppelgewölbe fertig. Oben wurde ein Eisstück als Oberlicht eingesetzt. In der genauen Mitte wurde aus lsländisch-Moos ein kleines Feuer angezündet.

Nun hat sich Nanuk mit seinen Gefährten streng sternförmig um dieses Feuer gelegt, alle mit den Füßen zum Feuer. Am Schluß des Filmstreifens kam eine Aufnahme des Nanuk~ selbst: wie sein Gesicht vollkommen die Befriedigung, die Zufriedenheit, aber auch die Beruhigung des Menschen wiedergab, der den Tag über in einer verworrenen Wüste war und sich am Abend einen geordneten, streng geordneten Raum geschaffen hatte.

Speziell dieser Ausdruck ist mir unvergeßlich. Denn das ist ja eigentlich Bauen:

von der verworrenen Höhle bis zu der streng wieder geordneten Form. Auf denselben Gedanken kam Wilhelm Worringer. Anfang des Jahrhunderts hat er uns alle mit einem einzigen Buch in Aufregung und Schwung gebracht, als er deutlich machte, daß in der Wüste die Pyramide steht, das streng prismatische Haus; daß also auch dort, innerhalb der uferlosen Formlosigkeit, der Mensch sich selbst durch Formen dokumentieren und halten muß, um überhaupt ein Mensch zu bleiben

Das sind immerhin Dinge, die uns sehr beschäftigen können.

Wenn wir nun noch einen Augenblick - das alles sind Gedanken, die sich an das Thema angegliedert haben - die heutige Wohnung überlegen, so kommen wir unwillkürlich zur Frage „Fenster“ und zu der Frage - das heiße Eisen - „offene Wand“, also vollkommen offene Wand mit Glas lediglich für den nötigen Schutz gegen Wärme und vor dem Wetter. Da haben wir die berühmte Frage, was es denn nun mit den Glaswänden eigentlich auf sich habe: ob das nur eine Verücktheit der Architekten oder was das sei, daß wir heute die großen gläsernen Gebilde bauen?

Denken wir noch eimnal an den Nanuk mit seinem Eisstein oben im Gewölbe seines Baues oder denken wir an irgendeins jener alten Häuser, die der Mensch sich als ein vollkommen ummauertes Gebilde geschaffen hat, um sich dann mit dem Stemmeisen Löcher durchzustemmen, wo er noch Luft und Licht brauchte - da ist die vollkommene Umschlossenheit und erst dann der Durchbruch in das Licht.

Verfolgen wir einen heutigen Rohbau, so hat man das Gefühl, es wird mit einem gittrigen Eisengebilde ein Stück Raum ergriffen - eine ganz andere Methode - und der Raum wird dann da, wo es nötig ist, geschlossen. Im übrigen bleibt das Ganze ein Bestandteil des umschließenden Raumes.

Ich glaube, daß man erst in 30 oder 50 Jahren Bescheid wissen wird, was da eigentlich mit uns vor sich gegangen ist. Aber es ist etwas Grundsätzliches geschehen.

Das ist keine Mode, meiner Meinung nach, das ist kein sogenannter Stil, auch - wie gesagt - keine Verrücktheit der Architekten, sondern hier haben wir einen Vorgang aus den fast unterbewußten Tiefen des Menschen, dessen Bearbeitung, dessen sichtbare Gestaltung auf uns alle, die bauen, die allergrößte Verantwortung legt. Und zu den Bauenden zähle ich keineswegs nur die Architekten, sondern alle Baulustigen, alle, die einen Bau brauchen. Denn die Mitwirkung dessen, der bauen will und seine Wünsche mitbringt - Wünsche nicht nur in bezug auf soundsoviel Quadratmeter für das Schlafzimmer und soundsoviel Räume außerdem usw., sondern klare Wünsche über sein Verhalten zur Umwelt - die Mitwirkung dieses Bauherrn ist mindestens die Hälfte der Leistung. Und das Fehlgehen eines Baues ist mindesten zur Hälfte seine Schuld - so muß man den Spieß nämlich umdrehen.

Das trifft nun im weitesten Sinne die großen Bauherren, die Behörden, die Regierungen, die Industriekonzerne, die alle keine Personen mehr sind und die uns ihren Wunsch ja nicht mehr mit der ganzen Wärme einer Leidenschaft mitteilen, sondern auf einem gedruckten Zettel.

Es ist also nun die einzige Frage, vor der wir stehen - ob das in der Wohnung ist oder in einem Saal oder in einer Kirche oder auf dem Platz einer Stadt, kurzum in all den Gebilden, in die wir uns hineinbegeben -, wie unser Leben sich in diesen Räumen abschließt, einschließt oder sich zum Außenraum öffnet, wie es sich in seiner Umwelt hält, aufhält, wie es verweilt und wie dieses Leben sich darin bewegt.

Damit kommen wir im Sinne der einleitenden Worte zu einer anderen Landmarke, die jetzt noch gerade hinter uns sichtbar ist. Sie heißt „Bewegung im Raum“. Die Bewegung im Raum ist etwas ganz Entscheidendes beim Bauen. (Wir werden später noch davon sprechen, daß auch das Wort eine Bewegung ist.)

Ich erinnere mich, griechische Hirtentänze gesehen und mit angehört zu haben, wobei die Hirten heute noch ihre Gesänge tanzen. Sie verwenden dabei einen Daktylusschritt, der anders ist als wir es in der Schule gelernt haben, er hat nämlich einen Fuß mehr, er ist siebenteilig. Und in einem bestimmten siebenteiligen Schleifschritt gehen sie aufeinander zu, hin und her, und dabei sagen sie sich ihre Verse. Durch den Schritt ganzer Reihen von Tänzern zueinander entsteht ein Raum, in dem sich dieser Tanz abspielt. Das Wort und der Rhythmus und der Raum sind vollkommen identisch - und wenn es auf der freien Wiese ist, der Raum ist da, ist einfach abgegrenzt.

Genau so ist es in einer Kirche mit dem liturgischen Vorgang, mit dem liturgischen Schreiten. Wenn ein Pfarrer falsch auf den Altarplatz heraufgeht, zerschlägt er den ganzen Bau, oder wenn die Gemeinde nur so hineinrutscht oder falsch wieder herausgeht. Das sind ja alles Dinge, die wir fast alle nicht mehr können. Zweifellos aber haben die Menschen in jenen Zeiten, in denen die wunderbaren, von uns heute auf Reisen bewunderten Räume entstanden, das noch im Leibe gehabt.

Man könnte zurückgehen auf das griechische Theater. Wenn man die Orchestra von Epidaurus etwa vor sich hat, so sieht man die Tänze der Chöre, derselben Chöre, die bei uns heute bei einer Aufführung des Äschylos etwa stehend gesprochen werden. Man sieht die Chöre, die sich in bestimmten Kreisen bewegt haben, man sieht, wie auch dort das Wort und die Bewegung im Raum absolut zusammengehört haben.

Gehen wir einen Schritt weiter mit dem Tanzen! Ich gehöre zu der Zeit, in der man noch Menuett und vor allem Kontretänze getanzt hat. Und ich weiß, was für ein ausgesprochener Genuß ein Kontretanz ist, indem nämlich die Bewegung im Raum, im Karree oder in den zwei langen Linien im Saal, in dem getanzt wurde, tatsächlich diesen Raum hergestellt hat.

In der Zeit, in der ich in Weimar das Bauhaus geleitet habe, wurde viel getanzt. Beim Tanzen sagte ich einmal, daß wir uns Kreide an die Sohlen machen und dann die verschiedenen Tänze vom Menuett bis zum Onestep durchtanzen wollten. Die Figuren, die damals am Boden entstanden sind, waren genau die Ornamente, die dieselbe Zeit an der Decke im Stuck aufwies.

Das war einigermaßen überraschend, daß man sich sagte: also steckt uns zu jeder Zeit eine bestimmte Bewegungsform im Zwerchfell. Die äußert sich in musikalischen Rhythmen, in der Auflösung oder Fassung der Verse, in der Ornamentierung, in den baulichen Formen und im Tanz.

Daß diese Dinge alle viel untergründiger, viel unterbewußter sich abspielen als wir vielleicht denken, und daß es die eigentliche Aufgabe des Architekten ist, ohne daß er es weiß, diese untergründigen Dinge aus denen, die mit ihm bauen, herauszuspüren, daß es seine Aufgabe ist, diese Dinge soweit in sich selber zu tragen, daß er sie sichtbar machen kann - das ist der eigentliche Vorgang.

Wenn man früher für eine Familie ein Wohnhaus gebaut hat, dann hatte man wirklich eine große Aufgabe. Man war mit den Bauherren zusammen und hat gesehen, wie sie leben. Man hat sie durch und durch gekannt wie der Hausarzt. Kann man heute in einen Bauherrn, der ein Gremium, eine Aufsichtsratssitzung ist, noch so eindringen? Wir versuchen, uns in die Betriebe einzufühlen, wir versuchen, in die Fabrikvorgänge einzudringen, auf jede Weise förmlich hineinzukriechen, damit wir bauen können. Aber die Unpersönlichkeit des Bauherrn ist - wir wollen nicht von Schaden reden - doch immer etwas, was sich in den Bauten unbedingt auch ausdrückt.

Kommen wir zur Rede im Raum, von der ich vorher sagte, daß ja auch das Wort im Raum eine Bewegung ist!

Sie brauchen nur einmal daran zu denken, daß man mit dem Wort im Raum den anderen ergreifen will, daß man, auch wenn das Publikum es nicht merkt, losgeht auf den anderen, beständig versucht, ihn irgendwo zu packen, und daß das Beste, was geschehen kann, ist, daß das Publikum ergriffen ist.

Das sind Bewegungsformen, ausgesprochene Bewegungsformen bis in die Sprache hinein. Die Rede im Raum ist - ob sie nun in der Kirche, im Saal, in der Schule, auf dem Felde oder wo immer stattfindet - eine in Spannungszustand versetzte Bewegung, d. h. eine Bewegung, die nicht zur vollen Auswirkung kommt, sondern im Spannungszustand bleibt (so wie man - das ist derselbe Spannungszustand - beim Hören von Musik bekanntlich fortwährend innere Bewegungen macht).

Damit kommen wir zu dem außerordentlich wichtigen Begriff der Raumspannung.

Ich habe mich mein Leben lang mit diesem merkwürdigen Begriff abgegeben. Er ist in ganz früher Zeit einmal einfach auf mich zugekommen, und ich bin nicht mehr davon losgekommen, die Spannung der Räume - einer Kirche, eines Theaters, eines Platzes, auch eines Wohnraumes - auf mich wirken zu lassen.

Man kann von dieser Raumspannung her in einem Wohnraum - wenn man sich in einen diffus eingerichteten Wohnraum mit einer Art Antenne begibt - in die Luft greifen und sagen: da gehört die Lampe hin. Meistens hängt sie falsch; man hat vorher ein Achsenkreuz gemacht, und nun hängt die Lampe verkehrt. Es gibt aber immer im Raum einen Pol, einen Konzentrationspunkt, wo sie hingehört. So gibt's auch immer eine Stelle, wo die Fenster hingehören.

Diese Raumfühligkeit - eben jene Antenne - ist eine Eigenschaft wie etwa die Musikalität, ebenso selten oder ebenso häufig, wie Sie wollen, und erstaunlicherweise meist eine weibliche Eigenschaft. Ich habe da bei Bauherrinnen die erstaunlichsten Dinge erlebt, wie sie mit den Möbeln herumschieben, und plötzlich steht das Ding wirklich richtig. Da ist dann erfaßt, was in den Räumen an Spannung vorhanden ist.

Ich habe im Jahre 1919 als ersten Niederschlag solcher Überlegungen ein kleines Buch über den Kirchenbau geschrieben und den Begriff der Raumspannung fixiert. Raumspannung - wir wollen es einmal ganz primitiv ausdrücken! Nehmen wir einmal die eine Längsrichtung eines Raumes, der nun der ganze Aufmarsch der Fenster, der Säulen usw. folgt. Diese Längsrichtung kann so stark sein, daß sie am Ende der Wand die Apsis einfach heraussprengt, weil hier die Wand nicht mehr auszuhalten ist. Das ist die Spannung des Raumes, die dahin läuft.

Wenn Sie in einem so gespannten Raum - ich habe absichtlich das primitivste Beispiel genommen - etwa nun die Handlung, die liturgischen Punkte nicht in die Spannungspunkte setzen, dann wird der Raum vollkommen durcheinandergeworfen. Versuchen Sie's einmal, in einem solch gespannten Raum sich an eine falsche Stelle zu stellen und dann zu sprechen Sie werden spüren, wie eine merkwürdige Verdrehung entsteht. Das heißt: wenn die Spannung der Handlungen - in den meisten Fällen ist das bei uns die Spannung des Lautes, des Wortes - sich deckt mit der architektonischen Spannung, dann unterstützen sich die beiden Größen zu einer ausgesprochenen Steigerung der Wirkung so sehr, daß in einem solchen Raum, auch wenn er wieder leer ist, die Nachwirkung der Handlung, die Nachwirkung des vielleicht in ihm schon vor einer Woche gesprochenen Wortes noch lebt. Das klingt möglicherweise überspannt, ist aber eigentlich ganz einfach.

Ich bin darauf gekommen, weil innerhalb der evangelischen Kirche, mit der ich mich wesentlich abzugeben hatte, bekanntlich zwei Pole vorhanden sind: der Altar und die Kanzel. Und die Spaltung dieser beiden Punkte oder ihre Zusammenfassung oder ihre Balancierung ist, wenn man das durch die Grundrisse seit der Reformation verfolgt, einfach das Thema, ob das nun im Barock, im Rokoko oder in der heutigen Moderne ist. Bei all den Bauten spürt man sofort, ob das erfüllt ist. Und wenn es erfüllt ist, so kann der Raum schaffen, was er schaffen soll: so gibt er die Stütze für das Wort. Wenn der Raum aber diffus oder gespalten ist, so kann man hier zwar auch eine gute Predigt halten, aber sie ist nicht mehr vom Raum unterstützt. Tritt das ein, so fragen wir, wozu wir bauen. Ähnliche Gedanken müssen wir auf das andere wichtige Thema verwenden, bei dem wir uns einen Augenblick aufhalten müssen: der Zentralraum.

Es gibt Zentralräume, bei denen das Geschehen im Zentrum steht, Räume, die zentral aufgebaut sind, etwa die Kuppel. Alles strebt zu dieser einen Mitte, und in der Mitte befindet sich etwa der Taufstein oder der Sarkophag. Diese Räume sind so eindeutig, daß Menschen, die sich in ihnen bewegen, sich so und dorthin setzen, wo sie in Beziehung zu den Dingen kommen. Sie schwimmen so lange im Raum herum, bis sie an der richtigen Stelle sitzen. Das sind die Raumfühligen. Andere laufen an der Wand herum und sehen im Reiseführer nach, was da alles zu sehen ist.

Nun ist der Wunsch, Zentralräume zu bauen, sehr groß, gerade auch in der Kirche. Bis auf den heutigen Tag aber kenne ich überwiegend nur solche zentral gebauten Räume, deren Funktion exzentrisch liegt, so daß die ganze geistige Spannung des Raumes, die durch das Gestühl und durch die Gemeinde gegeben ist, unter der Mitte quer durchgeht. Das sind ausgesprochen verworrene Räume, von denen ich sagen würde: sie können so schön sein wie sie wollen, sie haben das eigentliche Grundprinzip des Bauens versäumt, nämlich daß der Raum den geistigen Vorgang, in den meisten Fällen durch das Wort dargestellt, zu unterstützen hat.

Das ist worum es sich bei der Raunispannung handelt, die ein Bestandteil der Bewegung im Raum ist, ob sie ausgeführt oder nur gefühlt wird.

Ich bin aus diesen einfachen Erwägungen heraus eine ganze Weile dahin gelangt, daß ich die Kanzel vor den Altar gestellt habe. Darum habe ich einmal in einer Kirche, die in K. gebaut werden sollte, ein halbes Jahr mit dem Oberkirchenrat gekämpft. Man sagte, das habe man noch nie gesehen, das gehe auch nicht usw. Schließlich schlug ich vor: wollen wir doch einfach den Rohbau einmal hinstellen und uns dann im Bau unterhalten. Im Rohbau saß der Oberkirchenrat, saßen alle, die bei dem Projekt mitzureden hatten, auf den Bänken. Die Stufen hatte ich fertig und bat nun, daß diejenigen, die etwas zur Sache äußern wollten, heraufkommen möchten. Fünf oder sechs Teilnehmer haben alles wieder gesagt, was sie dagegen zu äußern hatten. Und dann sagte ich lediglich: „Meine Herren, jeder von Ihnen hat sich da in die Mitte gestellt.“ Da war die Diskussion zu Ende. Instinktiv war keiner auf die Idee gekommen, sich seitwärts herüber zu stellen, denn er wollte ja etwas erreichen. So stark und so primitiv zugleich sind diese Dinge.

Dann kommt der erste Einbruch der unsinnlichen Technik, nämlich mit dem Mikrophon und dem Lautsprecher. Vom Mikrophon her wird gesprochen, und die Stimme trifft, wenn's große Räume wie etwa das Ulmer Münster sind, den Hörer irgendwo. Das hat weitere Folgen. Sobald mit Hilfe dieses Instruments die Stimme laut genug auf die Hörer kommt, gelangt der Redner dahin, daß er sich keine Mühe mehr gibt, und daß damit die Rede jeden Sinn verliert. Denn wenn man hergeht und liest etwas mit halber Stimme vor - an den Hochschulen kann man das heute schon stellenweise beobachten -, dann fragt sich der Zuhörer schließlich: warum hab' ich denn das nicht gedruckt in die Hand bekommen, mich zu Hause bequem hingesetzt und das alles gelesen! Daß man mit der Stimme einen Raum erfüllen und auch den Letzten in dem Raum ergreifen muß, erreichen und ergreifen muß, ist wichtig. Und das alles ist bereits mit dieser technischen Übertragung im Raum gefährdet. Die eigentlichen Spannungen, die natürlichen Spannungen sind schon damit aufgelöst und in Gefahr gekommen. Hier geschieht ein Verlust der Spannung und damit ein Verlust der entscheidenden Eigenschaften des Raumes.

Wir sind gerade in Worms bei der Dreifaltigkeitskirche beim Wiederaufbau. Das ist eine Kirche, die ihrer ursprünglichen Gestalt nach für zweitausend Personen ist. Sofort war der Techniker da und wollte hier einen Lautsprecher und da etwas - es war alles wunderbar. Da sagte ich: „Ja, also ein Pfarrer, der nicht imstande ist, in einem im übrigen akustisch guten Raum zweitausend Menschen zu erreichen, der soll seinen Beruf aufgeben.“ Denn das ist ja doch seine eigentliche Eigenschaft, und zwar mit seiner eigenen, nicht mit der in Gießkanne umgefärbten Stimme, die von irgendwoher kommt. Und zweitens ist da die Gefahr des zu schnellen und des äußerlichen Sprechens.

Es gehört nun aber zum Wort im Raum das Hören im Raum, genau so, und zwar das Hören wieder als eine Eigenschaft, als eine aktive Eigenschaft. Und damit kommen wir zur ganzen Frage der Akustik überhaupt.

Über Akustik kann man sehr lange sprechen. Es gibt ganz bestimmte Dinge, die man wahrscheinlich nur mit der Erfahrung herauskriegen kann. Ich würde es heute unternehmen, irgendeinen Raum so zu bauen, daß er akustisch gut ist, aber ohne Berechnungen. Die Berechnungen sind fast alle falsch. Ich weiß nicht, wie das kommt, ich meine also, da werden Dinge ausgerechnet, mit denen man nichts anfangen kann. So ist's mir das erstemal geschehen bei einer Kirche in Berlin, einer Kirche, die achtzehn Meter hoch und achtzehn Meter lang ist. Die Gutachten von zwei akustischen Stellen lauteten: Es ist unmöglich, hier zu sprechen; der Schalldeckel der Kanzel muß so und so groß sein; es müssen Teppiche liegen, es müssen Vorhänge hängen, und die Kirche muß gefüllt sein. Da sagte ich mir: jetzt müssen wir's in einer ganz bestimmten Form der Decke erwischen. Ich habe hier ja keine technischen Geheimnisse zu verraten, aber diese Decke, die ich gemacht hatte, ist mir dann später gestohlen worden. Und da dachte ich, daß sie wohl richtig war. Man pflegt nur gute Dinge zu stehlen. Aber ich hab's mir bei der Einweihung der Kirche nicht versagen können, die Gutachten vorzulesen, und zwar leise, ohne Schalldeckel, ohne Stoff, ohne alles. Das ist einfach gegangen.

Man kann sogar einer Raumform ihre Akustik ansehen, und umgekehrt: eigentlich müßte ein gut geformter Raum seine Akustik bereits darstellen. Dann ist die Sache jedenfalls viel sauberer, als wenn wir diese tollen Instrumente an der Decke hängen haben, wo man immer das Gefühl hat, das Hören scheine ja wirklich schwierig zu sein. So etwas ist so furchtbar unnatürlich, als ob man eigentlich nur noch an Krücken ging, und als ob man sagte: das Gehen ist so schwierig, ich gehe nur auf Krücken, um auf keinen Fall zu fallen. So ungefähr kommt mir dieses Herrichten unserer heutigen Räume vor, statt sie von Anfang an richtig zu denken und ihnen das nötige Material zu geben. Meine Geige ist ja auch nicht aus Blech. Ich meine, das ist sehr einfach, das Holz ist ein höchst schätzbares Material. Aber das sind alles Randbemerkungen zu der Frage, wie der Raum sich zum Wort verhält.

Nun kommt ein zweiter Einbruch in unsere Sinnenhaftigkeit, kommt das Radio. Das Radio: das Wort ohne Raum.

Da ist also wirklich etwas ganz Entscheidendes mit uns vorgegangen. Oder entspricht etwa eine Radioübertragung aus „Ich weiß nicht woher“, etwa aus Südafrika, entspricht sie bei uns einer gleichzeitigen Vorstellung von Weltweite, von Erde oder gar von Weltraum? Ich glaube nicht. Sondern wir sitzen im Lehnstuhl. Hier ist etwas mit dem Wort, mit der Beziehung des Wortes zum Raum passiert. Wir sind ja auch ohne Bewegung zu diesem Wort wir sitzen tatsächlich im Polsterstuhl und rühren uns nicht. Das Wort kommt an uns heran.

Mit dem Fernsehen habe ich mich in der letzten Zeit abgegeben. Da passieren ganz ähnliche Dinge: daß das angeblich weltweite Sehen auf einem minimal kleinen Schirm vollkommen unräumlich vor uns steht, weil die Ausschnitte sehr klein sind. Da ist auch eine Umschaltung all unserer sinnlichen Erfahrungen im Gange, mit der wir uns abgeben müssen.

Dieses Entfliehen des Wortes in den Raum, ohne daß wir es mit dem Raum zurückbekommen - darum dreht sich's doch -, hat nun, wie ich glaube, eine merkwürdige Kompensation zur Folge gehabt (ich will nicht sagen: zeitlich zur Folge - die Dinge liegen ja manchmal zeitlich anders geordnet): nämlich den Wunsch nach Schnelligkeit.

Ich kann gar nicht dahinter kommen, woher eigentlich dieser absolute Rausch der Schnelligkeit kommt - offenbar, um den total ins Weite entflohenen Raum zu bewältigen. Daß das Schallgeschwindigkeit und Überschallgeschwindigkeit heißt und auch ist, da fängt ja wirklich an, daß man nachdenklich wird und sagt:

haben wir nun die natürlichen Grenzen unserer Sinne in einem Maße überschritten, daß wir jedes Urteil verlieren?

Ich kann das zunächst nur einmal als Frage stellen, wie weit unser absolutes Schnelligkeitsbedürfnis eigentlich eine Art von Raumflucht ist. Wir könnten auch sagen: eine andere Form der Raumangst.

Wir vergegenwärtigen uns also, daß das Wort im Radio raumlos geworden ist, und daß wir dabei im Lehnstuhl sitzen, und daß unsere Sehnsucht nach Raumbewältigung in einer letzten Steigerung der Schnelligkeit gesucht wird, bis zur Auslöschung von Raumerfahrung denn wenn Sie im Flugzeug über der Wolkendecke fahren, stehen Sie still. Ich habe darin die verrücktesten Sachen im Flugzeug sozusagen selber nachgeprüft und hab' mich vor einiger Zeit lang mit jemand darüber unterhalten, der mit Fliegen Bescheid weiß, nämlich mit Charles Lindbergh.

Er hat mir da etwas erzählt, was mich tief erschütterte: „Wissen Sie, früher um die Zeit meines ersten Ozeanfluges war da, wenn ich zu meinem Flugzeug ging, ein Rasenplatz. Da habe ich meistens Schuhe und Strümpfe ausgezogen, um vor dem Flug noch etwas über den Rasen zu gehen. Heute ist alles betoniert.“ In diesem kleinen Satz eines Weltfliegers sieht man, daß er die Empfindung dafür hatte, wo der Moment ist, wo wir wirklich den sinnlichen Grund, den Untergrund verlieren.

Wenn man also sagt, daß das Wort im Raum uns heute entschwindet, und daß die Physiker zu unserem Stolz die Geschwindigkeit immer mehr beliebig steigern, komme ich auch dahinter, daß das zweifellos etwas Rauschhaftes hat. (Man meint, es sei wegen Krieg und Konkurrenz im Krieg. Das stimmt ja alles nicht, das sind ja alles immer nur die äußeren Gründe.) Ich bin überzeugt, daß auch die Schnelligkeit für uns ein Rausch ist. Es ist nur die Frage, wenn wir jetzt von dem Raum gesprochen haben, ob wir eigentlich - soweit wir als Architekten doch die Dinge zu formen haben - jeglichem Rausch weiter folgen sollen.

Es klingt ungeheuer rückschrittlich, wenn man in dem Punkt ein Fragezeichen

setzt. Es gehört heute viel mehr Mut dazu, rückschrittlich zu sein, denn modern zu sein ist gar kein Kunststück.

Das darf ich vielleicht einmal so ausdrücken:

Es ist mir aufgefallen, daß in der Geschichte Noah den Weinstock erfunden hat und den Wein, den Alkohol. Und einmal kommt vor, daß er betrunken ist. Das wird aber nicht bezeichnet als der Inbegriff und die letzte Steigerung seiner Erfindung, sondern er spielt dabei eine ziemlich blamable Rolle. Würden wir aber heute mit unseren Physikern nicht der Meinung sein, daß die letzte, die äußerste Steigerung all dessen, was wir können, unsere Pflicht ist, und daß man einen großen Fehler macht, wenn man nicht so weit steigert? Wenn wir nun einmal an die Geräusche denken, wenn wir hören, daß bestimmte übersteigerte Geräusche anfangen, vollkommen schädlich zu werden, so schädlich, daß die Menschen nicht mehr denken können und zum Teil krank werden davon, wenn wir aber trotzdem mit allen erdenklichen Mitteln und mit viel Geschrei das alles absolut steigern - ist das dann nicht so, als ob wir sagten: da der Wein wächst, sind wir verpflichtet, alle jeden Abend betrunken zu sein? Das ist ungefähr dasselbe, wenn auch etwas barock ausgedrückt.

Nun befinden wir uns mit unserem Wort und mit unserem Raum schon im Uferlosen, in der Wüste. Wir sind eigentlich genau wieder in dem Zustahd des Nanuk in seiner Eiswüste oder des Menschen, der in der Wüste Sahara die Pyramiden baut, um überhaupt Mensch zu bleiben.

Und für uns Architekten kommt nun einfach die Frage: wo liegt innerhalb dieser Wüste, in der wir uns befinden, innerhalb dieser Raumlosigkeit dieser reinen Geschwindigkeit und dieser Flucht aller Dinge unsere Aufgabe, wenn wir etwa eine Stadt bauen, eine vollkommen weltoffene Stadt?

Ich habe augenblicklich sehr lebhaft mit der Sadt Berlin zu tun, wo es mir anfängt, wichtig zu werden, daran zu denken, daß ich sage: ist eine Stadt nur dazu da, daß man hindurcheilt; gibt es überhaupt keinen Gedanken daran, daß ich einmal verweile in der Stadt, daß wir als Fußgänger uns irgendwo aufhalten? Wenn wir nun anfangen, uns damit abzugeben, trifft man plötzlich darauf: ja natürlich will man heranfahren und wegfahren; das gehört alles sehr dazu, das muß sich glatt abwickeln; das nicht zu erfüllen, wäre töricht; aber ich brauche noch die Aufenthalte, auch im Innern der Stadt, wo man sich als Mensch noch bewegen kann, wo der Fußgänger meinethalben auch einmal in Gedanken gehen kann - etwas, was man sich heute in der Stadt nicht mehr erlauben kann, während man früher, mit irgendeinem Gedanken beschäftigt, mal eben geschwind auf die Straße ging.

Das klingt alles sehr verrückt, aber es ist so. Wenn wir an das Bauen gehen miteinander, dreht es sich also darum, nicht etwa nun zu sagen: zurück in die Hütte, aber sich der Frage nicht zu verschließen, inwieweit habe ich eine Wohnung offen nach draußen zu halten und inwieweit habe ich ihr Räume zu geben, in denen ich mich auch für mich zusammenfassen kann; wie weit habe ich in einer Stadt Durchgangslinien zu befriedigen, und wie kann ich innerhalb dieser Bezirke dem Mensch für Ruhe sorgen, für Ohrenruhe, aber auch für die Ruhe seines Gehens?

So liegt es auch mit den großen Räumen der Versammlung, vor denen wir ja immer wieder stehen: habe ich die Aufgabe, den Raum so zu umschließen, daß ich nur drin sitze; ist es nicht sehr schön, wenn ich ihm Öffnungen und die Beziehungen zu draußen gebe. Das gehört alles dazu. Aber alles in welchem Maß heißt die Frage.

Mir scheint immer wieder notwendig für uns, daß wir die Abwägung der Maße überlegen, die notwendig sind, damit das, was da geschehen kann, auf das beste geschehen kann, zum Beispiel das Reden und das Hören. Es geht um das, was drinnen im Raum vorgeht, und wir sind allmählich Beschützer der Menschen geworden, Beschützer derer, die als Menschen in diesen Räumen leben.

Es ist mir vor vier Jahren bei der Einweihung eines Raumes etwas sehr Merkwürdiges passiert, das ich nie wieder vergesse. Es hat sich um einen Raum gehandelt, einen großen Raum mit Empore usw. - das Ganze ist eine Schule geworden. Da war das alles, was ich meine, sehr einfach und gesammelt möglich. Bei der Einweihung kam vom Kultusministerium ein Mann her, der zunächst eine lange Rede vorhatte. Er sagte mir: ich hab' die Rede nicht gehalten - er hat nur drei Sätze gesagt -, denn in diesem Raum lebt die Wahrheit und stirbt dieLüge.

Das ist ein tolles Wort. Das läßt mich gar nicht mehr in Ruhe, daß ich sage: das ist ja eigentlich unsere Aufgabe.

Und könnten Sie sich denken, daß alle, die wir hier zusammen sind, und alle, die außer uns an diesen Dingen arbeiten, daß wir uns alle einmal sagten: es gibt eigentlich wahrscheinlich heute nur eine einzige Aufgabe, die uns nicht gestellt ist, leider nicht gestellt ist, aber mit der man sich unwillkürlich beschäftigt, die Aufgabe: ob wir den Raum bauen könnten, in dem die Nationen zusammenkommen und in dem ihnen die Lüge auf den Lippen stirbt. - Wenn das möglich wäre, dann hätten wir unseren Beruf wirklich erfüllt.

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