Kirchbau

Der Architekt Otto Bartning

„Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellten der „Weltrat der Kirchen“, der „Lutherische Weltbund“, die „Evangelical and Reformed Church“ (USA), die „Prebyterian Church“(USA) und das „Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz“ Geldmittel zur Verfügung, um den allgemeinen Mangel an Gotteshäusern infolge Kriegszerstörung in Deutschland durch die Beschaffung behelfsmäßiger Bauten zu beheben. Die Leitung des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen in Deutschland sah aber in den angebotenen und teilweise gelieferten Baracken aus mehreren Gründen keine adäquate Lösung. Der Leiter des Hilfswerkes, Dr. Eugen Gerstenmaier, trat deshalb mit der Bitte um einen Notkirchenentwurf an den für die Entwicklung des modernen protestantischen Kirchenbaus bedeutendsten Architekten Otto Bartning (1883-1959) heran. Dessen nach seinem 1919 erschienenen Buch „Vom neuen Kirchenbau“ und der nur als Entwurf bekannt gewordenen „Sternkirchen“ aus dem Jahre 1922 errichtete Kirchenbauten lassen sich von der Raumform typologisch als „Fächerkirchen“ und „Zentralkirchen“, von der technischen Komponente her mit dem Begriff der „Montagekirche“ kennzeichnen. Bartning selbst prägte den Begriff der „Raumspannung“ und drückte damit einen künstlerischen Gestaltungswillen aus, der eher auf räumliche Kräfte und Qualitäten zielte als an der ästhetischen Wirkung von Oberflächen orientiert war. Daß ihm daneben die Lösung funktionaler Probleme, das Sicherstellen von Brauchbarkeit und die Tauglichkeit zur einfachen technischen Realisierung, die Suche nach Elementen und Systemen zur Montage wichtige Komponenten seines Entwurfes waren, hatte er mit dem ersten Montagebau, der 1928 in nur drei Monaten auf der „Pressa“ in Köln errichteten und 1931 nach deren Beendigung in Essen-West wieder aufgebauten Stahlkirche bewiesen. Für die Aufgabe, in den Zeiten der Not und vor allem der Materialknappheit nach dem Kriege, wo mit einfachsten Mitteln und Methoden die dringend benötigten Raumbedürfnisse erfüllt werden mußten, Notkirchen, vorgefertigte Gemeindezentren und Diasporakapellen zu entwickeln, war deshalb Otto Bartning der richtige Mann. Außerdem hatte er durch seine überragende Stellung in der deutschen Architektenschaft und durch seine vielschichtigen Verbindungen als einer der wenigen die Möglichkeiten, solche Projekte durchzusetzen. Bartning übernahm die Bauabteilung des Hilfswerkes mit Sitz in Neckarsteinach und entwickelte mit einem Stab von Mitarbeitern, u.a. mit seinem späteren Kompagnon Otto Dörzbach, ein Typenprogramm, das sich serienmäßig herstellen ließ und dadurch örtlichen Gegebenheiten anpassen konnte. Die Konstruktion in ingenieurmäßigen Holzbauteilen bestand aus Dachbindern, Platten, Dachtafeln, Fenstern und Türen. Den 47 eigentlichen Notkirchen mit den Bezeichnungen Typ A und Typ B und 350 bis 500 Sitzplätzen folgten in den Jahren 1949 bis 1953 die vorgefertigten Gemeindezentren und Diasporakapellen, vereinzelt als Notkirchen Typ D bezeichnet. Sie wurden von den gleichen Stiftern getragen, am Ende aber auch vorrangig unter kommerziellen Gesichtspunkten vorfabriziert. Insgesamt wurden 40 gestiftete und weitere acht Bauten auf den Gebieten der Bundesrepublik Deutschland und der DDR erstellt."

(Aus dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege)